Geschichte und Bedeutung

Geschichte und Bedeutung der Jugendweihe
Die Jungendweihe ist in den neuen Bundesländern heute wieder eine Selbstverständlichkeit und ein Familienfest von großer Bedeutung. Leider begegnet man auch heute noch im Zusammenhang mit der Jugendweihe immer wieder dem Irrtum, dass diese Feierlichkeit eine Hinterlassenschaft des Sozialismus und der ehemaligen DDR sei. Allerdings reichen die Wurzeln der Jugendweihe deutlich weiter in die Geschichte zurück, bis in die Zeit der bürgerlichen Revolution vor über 150 Jahren.

Der Ursprung der Jugendweihe
Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste die sogenannte Märzrevolution das gesamte Gebiet des damaligen Deutschen Bundes und weitere Teile Europas. Bürgerlich-freiheitliche Bestrebungen mit dem Ziel der Schaffung eines demokratisch verfassten, einheitlichen deutschen Nationalstaates waren der Antrieb der Revolutionäre – im Endeffekt also genau eine solche Demokratie, in der wir heute in Deutschland leben dürfen. Damals wurden also in Deutschland erstmals die Weichen für eine neue, freigeistige Bewegung gestellt. Es entstanden viele freie Städte mit konfessionell ungebundenen Schulen. Die Jungen und Mädchen sollten mit neuen, liberalen Werten zu religionskritischen Persönlichkeiten erzogen werden. Das „Neue“ war vielen Familien zu gewagt, sie konnten den von Kirche und Obrigkeit aufgezwungenen Glauben nicht von heute auf morgen ablegen, meist nicht einmal in Zweifel ziehen. Im Jahr 1852 brachte in einer der neuen, frei gegründeten Gemeinden dennoch ein Mann den Mut auf, den Machtanspruch der Kirche infrage zu stellen und dem seinerzeitigen Diktat der Konfirmation die glaubensfreie „Jugendweihe“ entgegen zu setzen. Eduard Baltzer aus dem thüringischen Nordhausen war der Erfinder dieses besonderen Tages, den wir noch heute begehen. Die Jugendweihe war seinerzeit allerdings eine Feier zur Schulentlassung.

Die Verbreitung der Jugendweihe
Es dauerte noch bis zum Ende des 1. Weltkriegs, bis sich die Bezeichnung „Jugendweihe“ für ein glaubensfreies Fest als Alternative zur Konfirmation durchsetzte. Zwar wurden u.a. in Berlin ab 1889 und in Hamburg und Erfurt ab 1890 die ersten weltlichen Schulentlassungsfeiern durchgeführt, aber noch nicht als Jugendweihe. In der Zeit zwischen 1. und 2. Weltkrieg gewannen in Deutschland die Freidenker an Einfluss, es waren Zeiten starker demokratischer Bewegungen, allein die Freidenker zählten damals mehr als eine Million Anhänger. In einigen Städten nahmen in dieser Zeit bis zu zwanzig Prozent aller Schulentlassenen an einer Feier teil, die sich als „Jugendweihe“ eingebürgert hatte.

Ende und Neuanfang
Die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ in der Weimarer Republik mit ihrem neuen Geist waren leider nicht von langer Dauer. Nationalsozialistische Tendenzen nahmen Anfang der 1930er Jahre stark zu und führten im Jahr 1933 zur Berufung Adolf Hitlers zum deutschen Reichskanzler. Das Freidenkertum und damit auch die Jugendweihe wurden von den Nazis weitgehend unterbunden. Erst nach der Befreiung vom Faschismus fanden wieder verbreitet Jugendweihen statt. Sie wurden von Freidenkern in der sogenannten Ostzone veranstaltet, die damals noch von der Siegermacht Sowjetunion besetzt war und aus der erst später die DDR entstand. In der sozialistischen DDR wurde dann auch die Jugendweihe – wie viele weitere gesellschaftliche Rituale – von der sozialistischen Diktatur nach und nach „zweckentfremdet“ und im Sinne der Regierung ideologisch ausgenutzt. Sie bekam eine staatspolitische Bedeutung. Bereits 1954 kam es zur Bildung der Ausschüsse für Jugendweihe in den Kreisen und größeren Städten.

Jugendweihe in der DDR
Der ursprünglich freiheitliche Geist der Jugendweihe wurde in der DDR als Bewegung zur sozialistischen Erziehung der Jugendlichen missbraucht. Zum neuen Höhepunkt der Feierlichkeit wurde das Gelöbnis aller Jugendlichen des achten Schuljahres, stets dem Arbeiter- und Bauernstaat und dem Sozialismus treu zu dienen. Die Jugendweihe wurde zum erzwungenen Massenphänomen mit Parteidiktat – allerdings im Laufe der Zeit auch zum feierlichen Höhepunkt für Mädchen und Jungen, da der zunehmende gesellschaftliche Wohlstand auch in der DDR zu vielen Geldgeschenken führte. So nahmen Mädchen und Jungen in der DDR das Gelöbnis oft widerwillig in Kauf, um die angenehmen Seiten der Jugendweihe auszukosten. In den 1980er Jahren wurde das Geld meist für den Erwerb eines Kassettenrekorders oder eines Mopeds genutzt. Die Jugendstunden zur Vorbereitung der Jugendweihe waren stark von der politischen Ideologie des Sozialismus geprägt und bereiteten die Jugendlichen mit einer entsprechenden wissenschaftlichen und weltanschaulichen Erziehung und Bildung auf die geplanten Anforderungen des Lebens vor. Die Jugendweihe wurde immer mehr zum Verpflichtungsritual der jungen Menschen, die Konfirmation bildete die große Ausnahme und wurde oft von abwertenden Kommentaren begleitet, ironischer Weise waren gerade Konfirmanden seinerzeit quasi die neuen Freidenker.

Jugendweihe heute
Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR sah sich die Tradition der Jugendweihe einem enormen politischen Druck gegenüber. Sie galt in breiten Schichten der Gesellschaft als verpönt, als sozialistisches Ritual eines maroden Staates, aus dem man sich gerade befreit hatte. Sowohl die öffentliche Anerkennung als auch eine staatliche Förderung waren nicht mehr möglich, die Vorbereitung der Jugendweihe wurde Lehrern an staatlichen Schulen 1993 sogar per Kultusministerdekret untersagt. Während bei Firmung oder Konfirmation Vorteile wie z.B. ein schulfreier Tag gewährt wurden, erhielten Jugendweihe-Teilnehmer keine Vorteile.

Die neue Zeit sorgte allerdings auch für ein neues Freidenkertum in den Neuen Bundesländern. Viele engagierte Menschen besannen sich auf die freiheitlichen Werte der Jugendweihe und die große Bedeutung, die sie für junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsenenleben einnehmen kann. Heute gewinnt die Jugendweihe beständig an Bedeutung, in Cottbus nehmen inzwischen jährlich deutlich über 70% der Schüler der achten Klassen an einer Jugendweihe teil. Bestandteil jeder Feier ist dabei neben einem vielseitigen Programm auch eine Festrede, die den jungen Menschen und ihren Familien viele Ratschläge auf dem neuen, gemeinsamen Weg bietet.

Da eine staatliche Unterstützung trotz vieler Bemühungen noch immer versagt bleibt, ist die Zahlung eines Teilnehmerbeitrages für die Ausrichtung der Jugendweihen heute unentbehrlich. Die Feierlichkeiten werden heute durch verschiedenste Anbieter vorbereitet und durchgeführt. Immer wichtiger werden dabei auch neue Formen der Jugendstunden, die wichtige Themen auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten.

Die Bedeutung der Jugendweihe
Die Jugendweihe ist heute wie in ihrem Ursprung eine wichtige Feier, mit der junge Menschen symbolisch ihren Übertritt in das Erwachsenenalter vollziehen. Sie ist ein großer Schritt in eine Zeit größerer Freiheit, aber auch größerer Verantwortung. Die Jugendweihe bereitet heute wie damals auf eine Welt der Selbständigkeit und Verantwortlichkeit vor. Sie ist heute dort angekommen, wo sie vor über 150 Jahren erfunden wurde: bei freiheitlichen Werten, die jungen, freidenkenden Menschen Orientierung auf den Weg in einen neuen, spannenden Lebensabschnitt geben soll.